Innere Werte – Architektur beginnt im Innenraum

Warum Architektur und Innenarchitektur von Anfang an zusammengedacht werden sollten – am Beispiel des GESIS-Instituts in Mannheim

Innere Werte

Auf die Nutzer perfekt zugeschnitten

Architektur und Innenarchitektur gehen Hand in Hand. Hanna und Henrik Isermann arbeiten nach diesem Prinzip: Als Hochbauarchitekt und Innenarchitektin führen sie ein gemeinsames Büro in Stuttgart. Sie erstellen Neubauten und arbeiten im Bestand. Bei beiden Aufgaben hat die Innenarchitektur einen gleichberechtigten Stellenwert, weil nur gemeinsam ein ganzheitlich bereicherndes Umfeld geschaffen werden kann. Das gilt für Wohnbauten ebenso wie für Büros.

Eines der jüngsten realisierten Projekte des Büros ist die innenarchitektonische Konzeption dreier Sonderflächen im Institutsneubau des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften GESIS in Mannheim. Für die Gestaltung der Bibliothek im Erdgeschoss und des OpenSpace für die Forschungsgruppe FReDA sowie einer kreativen Besprechungslandschaft in den Etagen darüber war HI Architektur & Innenarchitektur aus einem beschränkten Teilnehmerwettbewerb als Sieger hervorgegangen. Der war allerdings erst sehr spät im Projektprozess ausgeschrieben worden: „Zu Anfang war lediglich vorgesehen, die Räume mit losen Möbeln zu zonieren. Im Zuge der Planung entwickelte sich daraus aber eine weitaus größere, umfassende Aufgabe mit raumbildenden Elementen und an die Räume und Nutzungen angepassten Sondermöbeln im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Oberflächen und einem Lichtkonzept“, berichtet Hanna Isermann.

Den Planungsbeteiligten wurde klar: Hier war innenarchitektonisches Know-how gefragt. So kam es zur nachträglichen Ausschreibung der Innenarchitektur.

„Das Büro Wulf Architekten, das die Hochbauarchitektur des Neubaus verantwortete, befürwortete den Wettbewerb sehr und hat kooperativ dazu beigetragen, dass wir zu diesem späten Zeitpunkt noch Änderungen vornehmen und mit unserer Arbeit an das bereits Erstellte erfolgreich andocken konnten, denn weite Teile des Rohbaus waren bereits fertig“, erinnert sich Hanna Isermann. Fast ein Jahr lang traf sie sich jeden Monat mit Architekten und Nutzern und erstellte ein Gesamtkonzept, definierte Funktionsbereiche und erarbeitete ein durchgängiges Gestaltungsthema.

„Uns ist es wichtig, sehr genau auf die künftigen Nutzer zu hören und gemeinsam herauszuarbeiten, was zu ihnen passt“, erklärt die Innenarchitektin. Eventuelle Hierarchien sowie das Corporate Design müssen in das Konzept mit einbezogen, Aufgaben, Abläufe, Funktionen, aber auch individuelle Vorlieben bei der Arbeit analysiert werden.

„Die Fragen ›Wie viel Privatheit brauche ich? Mit wie viel Offenheit kann ich umgehen?‹ sind beim Planen von Open Spaces essenziell, damit die Arbeitsplätze dort nicht nur ästhetisch und modern aussehen, sondern in der Praxis und auf Jahre angelegt auch für die Mitarbeiter funktionieren.“

Der Übergang zwischen Hochbauarchitektur und Innenraum ist bei GESIS am Ende doch sehr gut gelungen. Dass man einen Architekten braucht, um gute Architektur zu realisieren, weiß jeder – dass man einen Innenarchitekten für gelungene und im besten Sinne nachhaltig funktionierende Innenarchitektur braucht, beweist dieses Beispiel.

500 qm Sonderfläche für GESIS

Das neue Institutsgebäude bietet mit seinen flexibel nutzbaren Büroflächen, Laboren und offenen Kommunikationszonen auf jedem Stockwerk Räumlichkeiten für den Wissensaustausch und die sozialwissenschaftliche Forschung. Im Erdgeschoss sind ein Konferenzbereich und die Bibliothek angeordnet. Die Obergeschosse sind als klassischer Dreibund organisiert mit Büroeinheiten für zwei bis vier Mitarbeiter.

Innerhalb dieser Fläche sollte Hanna Isermann drei jeweils 163 qm große Räume als innenarchitektonisch eigenständige Sonderflächen gestalten. Das Raumprogramm war zunächst sehr lose definiert und wurde im Rahmen der Planung deutlich ausgeweitet. Man wünschte sich moderne, jung anmutende Arbeits- und Besprechungslandschaften, die auf drei Etagen verteilt eine einheitliche Gestaltungssprache sprechen sollten.

Orange- und Blautöne, die das CI von GESIS widerspiegeln – in Farbvariationen und unterschiedlichen Kontraststärken eingesetzt – setzte Hanna Isermann auf allen Stockwerken ein. Für die Trennwände, die Einbauten und Möbel verwendete die Innenarchitektin Dreischichtplatten aus Fichtenholz, deren Oberflächen mit weiß pigmentiertem Öl behandelt wurden. Mit Lack oder Oberflächen aus HPL (High Pressure Laminate / Schichtstoffplatten) setzte sie partiell farbige Akzente.

Abgehängte Decken mit Akustiklochung sorgen für guten Raumklang. Ergänzend dazu wurde die Bibliothek mit einem strapazierfähigen und akustisch dämpfenden Teppichboden ausgestattet und auf allen Etagen die individuell geplante Einbaumöblierung durch Polstermöbel wie Sessel, Sofas und Poufs bzw. Vorhänge als Raumteiler ergänzt. Hanna Isermann achtete bei den Entwürfen darauf, eine angenehme Oberflächenhaptik sowie eine gute Erreich- und Nutzbarkeit aller Möbel herzustellen. Wichtig waren ihr auch eine große Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten, die vom „schnellen“ Steharbeitstisch und Arbeitsplätzen mit normaler Sitzhöhe bis hin zu gemütlichen Chillout-Zonen reichen. Die fest installierten Möbel und raumbildenden Elemente wurden individuell entworfen und vom Schreiner gefertigt. Die lose Möblierung wie Bibliotheksregale, Barhocker, Polstermöbel und Schreibtische wurden von Markenherstellern dazugekauft. Teilweise wurden sie „gepimpt“ und damit der Grundgestaltung und den Individualmöbeln angepasst, zum Beispiel durch den gleichen Polsterstoff, Seitenwände aus Streckmetall oder andere Details.

Zusammen mit dem Stuttgarter Büro Candela wurde am Lichtkonzept gefeilt und die bereits geplante Grundbeleuchtung spezifiziert bzw. durch Akzent- und Arbeitsplatzleuchten ergänzt. Eine grundlegende Herausforderung war der Umgang mit der Grundrissfläche in Form eines Parallelogramms, dessen Ausrichtung von den Streifenleuchten an der Decke und teilweise auch über die Anordnung der Möbel aufgenommen wurde.

Die einzelnen Nutzungsbereiche forderten auf jeder Etage individuelle Konzeptideen – wobei das Spiel mit immer wiederkehrenden Elementen alles zu einer großen Einheit zusammenbindet.

EG: Bibliothek

In der nur intern genutzten Bibliothek waren Zonen für Ausleihe und Stillarbeit, aber auch zum gemütlichen Lesen und Verweilen gewünscht. Hanna Isermann integrierte in Verlängerung der Flurachse ein raumgliederndes Organisationsmöbel in hellem Fichtenholz, das die Grundrissfläche im Verhältnis etwa 1/3 zu 2/3 trennt. Die kleinere der beiden Flächen bietet als Stillarbeitszone mit runden Arbeitstischen und flexiblen Tischtrennwänden die Möglichkeit für konzentriertes Arbeiten.

Das langgestreckte Organisationsmöbel beinhaltet Nischen für die Bücherausleihe und den Kopierer sowie „Parkplätze“ für die Bücher-Rollwagen. Die Bücherregale werden von Sitzinseln mit Poufs und kleinen runden Beistelltischen umgeben.

Entlang der Westfassade wurden ein Regal für Zeitschriften sowie ein Tischband mit Lesearbeitsplätzen eingerichtet, die sich mit fest installierten Sitzbänken abwechseln. Für die Bibliothekarin musste außerdem ein separater Büroraum geschaffen werden, der in Verlängerung der Stillarbeitszone mit leichten Holzwänden abgetrennt wurde.

2. OG: Open Space für FReDA

Im zweiten Obergeschoss war die identische Grundrissfläche als Open Office für insgesamt zwölf Mitarbeiter des Forschungsprojekts „FReDA (Family Research and Demographic Analysis)“ vorgesehen. Das Projekt befragt Frauen und Männer in der Phase der Familiengründung und analysiert die Ergebnisse.

Gewünscht war eine helle, sympathische und offene Atmosphäre, die sich sowohl für die interne Gruppenarbeit der Forscher als auch für den Publikumsverkehr eignet, der im Zusammenhang mit den Befragungen regelmäßig entsteht.

Auch hier ging Hanna Isermann in den engen Austausch mit den Mitarbeitern, um die individuellen Bedürfnisse zwischen Privatheit und Offenheit auszuloten, die ihr Innenarchitekturkonzept unmittelbar bestimmten. Wie sich herausstellte, standen die Mitarbeiter dem Open Space zwar grundsätzlich positiv gegenüber, äußerten aber auch Bedenken, ob das offene Konzept konzentriertem Arbeiten entgegenstehen könnte. Entsprechend differenziert mussten die notwendigen Funktionen innerhalb der Fläche angeordnet werden.

Während in der Bibliothek ein durchlaufender Teppichboden die gesamte Fläche zusammenbindet, bildete sie bei FReDA die einzelnen Flur-, Raum- und Arbeitszonen durch Linoleum in unterschiedlichen Farben ab. So entstand eine Kreuzstruktur, auf der sich geschlossene Bereiche (Besprechungsraum und Einzelbüro) mit halboffenen Zonen (drei Vierer-Arbeitsinseln) und der offen gestalteten Sitzgruppe im Zentrum für informelle Meetings und Pausen mischen.Die farbigen Bodenfelder überschreitend, verzahnen sich die Bereiche wiederum miteinander und werden so gestalterisch zu einer Einheit verwoben. Das Material des Metallgitters, das Hanna Isermann für die Möbel im zentralen Gemeinschaftsbereich verwendete, verdeutlicht und verstärkt diese Wirkung.

Dem Besprechungszimmer und dem Einzelbüro über die Raumbreite gegenübergestellt sind zwei Spangen – Garderobe und Telefonbox –, die gleichzeitig die Eingangsbereiche zur Open-Space-Fläche definieren und betonen. In Arbeitsplatznähe ergänzen Materialschränke sowie Sideboards für Drucker und Geräte das Stauraumangebot. Außerdem sind alle vier massiven Außenwände mit großformatigen Whiteboards ausgestattet.

3. OG: Kreative Besprechungslandschaft

Im dritten Obergeschoss sollte schließlich eine kreative Besprechungslandschaft für die GESIS-Mitarbeiter entstehen, die unterschiedlich offene Meeting-Szenarien für zwei bis fünf Personen bereithält.

Grundidee der Gestaltung ist das raumbildende, jedoch nicht raumhohe Element einer Holzrahmenstruktur, die Hanna Isermann ins Zentrum des Grundrisses stellte. Durch die kreuzweise Anordnung der Holzfächer entstehen unterschiedliche Kojen, die einen Besprechungsraum, ein Chillout-Podest sowie zwei „Think Tanks“ integrieren.

Jeden Bereich grenzte sie über einen Farbwechsel im Linoleum voneinander ab und bestückte ihn mit unterschiedlichen Sitzmöbeln. Frei bewegliche Polsterwürfel, Sessel und Holzhocker mischen sich unter fest installierte Sitzbänke und wechseln sich mit Barhockern an Stehtresen sowie Besprechungstischen in normaler Arbeitshöhe ab.

Zur Fassade hin wurden eigenständigere Arbeits- und Besprechungsmöglichkeiten inmitten einer Polsterlandschaft sowie weiterer Steharbeitstische angeordnet. Whiteboards – an die Wand montiert oder wie Tafeln angelehnt – ergänzen die Bereiche zu vollwertigen Präsentations- und Design-Thinking-Zonen.

Ein Plädoyer zum Schluss

Viele Architekturbüros haben keine Innenarchitekten im Team. Oft werden die Kosten für einen externen Innenarchitekten von vornherein eingespart und das Budget fließt vollständig in die Hochbauplanung. Dabei täten Bauherren gut daran, Experten für Innenraumplanung möglichst früh in den Planungsprozess einzubinden, um das Gebäude bis hin zur Möblierung ganzheitlich entwickeln zu können.

Denn Innenarchitektur entsteht nicht einfach nebenbei und lässt sich nur schwer nachträglich ergänzen, wenn die wesentlichen architektonischen Entscheidungen bereits getroffen sind.

Beim Planen von Innenräumen kommt es darauf an, die spätere Charakteristik eines Raumes innerhalb des Hochbaukonzepts frühzeitig mitzudenken und Abläufe sowie Nutzungsanforderungen gestalterisch positiv zu beeinflussen. Hochbauarchitekten können diese Anforderungen zusätzlich zu ihren eigenen gestalterischen, technischen und baubegleitenden Aufgaben kaum vollständig abdecken und profitieren daher von einer engen Zusammenarbeit mit Innenarchitekten – idealerweise von Beginn an.

„Würde man uns Innenarchitekten früher in Planungen einbeziehen, wäre vieles leichter“, gibt Hanna Isermann zu bedenken. „Wenn Bauherren bereits im Vorfeld differenzieren, wo der Hochbauarchitekt, der Innenarchitekt oder ein Team aus beiden richtig wäre, könnten sie nicht nur Zeit, sondern auch viel Geld sparen. Denn eine frühe interdisziplinäre Herangehensweise verhindert doppelte Entwurfs- und Ausführungsplanung und nicht zuletzt Verzögerungen im Bau- und Ausbaufortschritt.“

 

Fotografie: Roland Halbe
Text: Iris Darstein-Ebner, architekturkontext.de, Stuttgart

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