Selbstbewusster Solitär
Was genau ein gutes Wohnhaus ausmacht, ist nirgends festgeschrieben. Zu persönlich ist die Frage „Wie wollen wir wohnen?“, ebenso wie die Antwort darauf. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass sich in modernen Wohngebieten die Einfamilienhäuser gleichen wie ein Ei dem anderen. In einem neu entstehenden Quartier im württembergischen Neuffen hat das Stuttgarter Architekturbüro HI Architektur ein Ensemble aus zwei Wohngebäuden realisiert, das selbstbewusst demonstriert, wie mit den Vorgaben eines reglementierten Bebauungsplans kreativ umgegangen werden kann. Innerhalb der Nachbarbebauung verhilft es den Bauherren zu einer eigenen architektonischen Stimme und obwohl beide Bauten die gleiche gestalterische Handschrift zeigen, weisen sie – wie bei „Geschwistern“ durchaus üblich – äußerlich wie innerlich Unterschiede auf.
 
Ein Haus – vier Ansichten
Auf einem entlang der Straße verlaufenden Hanggrundstück bilden die Gebäude zwei gegenüberliegende Pole und nutzen den gemeinsamen Garten in ihrer Mitte. Während das dreigeschossige Wohnhaus am südlichen Grundstücksende auf einem übersichtlichen, annähernd quadratischen, regelmäßigen Grundriss aufbaut und auch mit seiner dunkel gestrichenen Verkleidung aus Weißtannenholz eher zurückhaltend bleibt, übernimmt der vordere, ebenfalls dreigeschossige zweite Baukörper gestalterische Dominanz:
Blickfang ist seine Gebäudehülle aus vorvergrauten, horizontal angeordneten Weißtannenprofilen. Sie bedecken nicht nur die Gebäudelängsseiten, sondern ziehen sich auch über die gesamte Satteldachfläche und verbergen den darunter liegenden Dachaufbau. Wie eine „Sushi-Matte“ rollt sich die Lattung über den Baukörper und gibt ihm einen klar definierten, monolithischen Charakter. Weder Dachüberstände noch andere auskragende Bauteile lenken davon ab. Die Leisten laufen – auf Gehrung gesägt – spitz zu. Ein paar Zentimeter stehen sie an den Giebelseiten über und geben mit ihrem Schattenwurf dem Gebäude trotz eindeutig definierter Form weiche Konturen.
Während die Giebelfassade im Westen zur Aussicht ins Tal vollflächig verglast ist und zugunsten einer schmalen Balkonzone zurückspringt, zeigt die Gebäudeseite am Fuße des Burgbergs Hohenneuffen eine im exakten Fugenbild verlegte Verkleidung. Sie besteht aus diagonal zugeschnittenen HPL-Platten (High Pressure Laminate) in strahlendem Weiß. Fensteröffnungen in unterschiedlichen Größen und Formaten sind spannungsvoll auf der Fläche verteilt. Je nach heller oder dunkler Rahmenfarbe treten sie visuell hervor oder halten sich eher im Hintergrund. Gezielt platzierte Einschnitte setzen auch in den Längsfassaden Akzente. Auf der Nordseite ist der Hauseingang als großes weißes Tor gesetzt, gegenüber in Richtung Süden wendet sich ein quadratisches Fenster mit dunkler Rahmung vom Essplatz aus mit großen Glasschiebetüren der Terrasse, dem Pool und dem Garten zu.
 
„Veredelter Rohbau“ in Ortbeton und Holz
Das Gebäude ist als Hybridbau konstruiert. Das Erdgeschoss auf Straßenniveau wurde aus Stahlbeton hergestellt und verschwindet im Hang. Neben der offenen, unter dem Terrassenterrain liegenden Garageneinfahrt entlang roher Betonwände liegt der private Bauherreneingang. Ein zentraler Garderobenraum erschließt eine kleine Gästewohnung sowie angrenzende Wirtschaftsräume, in denen schnell und praktisch die Einkäufe verstaut werden können. Im Innern zeigen die Wände hier ebenfalls ungeschminkt ihre Betonoberfläche. Bewusst nicht in Sichtbetonqualität ausgeführt, erzeugen sie mit ihren rauen Kanten und ihrer Unregelmäßigkeit eine besondere Lebendigkeit: Der schwarzbraune von hellen Einschlüssen durchzogene Terrazzoboden – der sich übrigens durch alle Räume des Hauses (auch ins Badezimmer inklusive der Duschen) zieht – und die Holztüren und Fensterrahmen in warmem Naturton geben den Räumen die charmante Anmutung eines ästhetisch veredelten Rohbaus.
Die Treppen verlaufen entlang der Gebäude-Längsachse. Betonfertigstufen führen hinauf in die Haupt-Eingangszone. Hier setzt die Gebäudekonstruktion in Holzständerbauweise auf. Die Innenwände bestehen aus flächigen Brettsperrholzelementen mit bereits endfertiger Oberfläche aus Kiefer, die nach Plänen des Archi- tekten präzise im Werk des Holzbauunternehmens vorgefertigt wurden. Vereinzelt ergänzen filigran dimensionierte Stahlstützen und Unterzüge die Statik.
 
Architektur braucht Weite
Hinter der Treppenhauswand liegen Küche und Essplatz, die zu einem großzügigen Raumverbund zusammengeschlossen sind. Zwei Stufen tiefer – entsprechend mit rund 35 cm mehr lichter Raumhöhe – ist der Wohnbereich angeordnet und wird nur durch einen kubischen Kaminofen vom Essplatz getrennt. Zusammen nehmen Kochen, Essen und Wohnen etwa 86 qm ein. „Räume müssen Weite bieten“, sagt der Architekt. Darum hat er auf den Wohnetagen immer wieder raumübergreifende Blickbeziehungen nach draußen geschaffen und diese Ausblicke in den Fenstern wie Kunstwerke gerahmt. Der Essplatz stellt – acht Meter bis unter den Dachfirst offen – über eine Galerie die akustische und visuelle Verbindung quer durch das Gebäude in der Vertikalen her.
Die Treppe ins Obergeschoss besteht aus rohen Stahlschotten, die nur in die Treppenhauswand eingeschoben zu sein scheinen und frei auskragen. Über die Galerie als Verteilerraum wird linkerhand das Spielzimmer mit Schlafplateau für die Enkel erschlossen sowie ein Bad und ein kleines Arbeitszimmer. Gegenüber mündet sie in ein großes Schlafzimmer mit Ankleide. Auch hier ist der offene Dachraum beispielsweise als Lese-Empore nutzbar. Im angrenzenden Badezimmer ist die Wanne frei im Raum platziert, während Dusche und WC als Raum-im-Raum Installation in einem schwarzen Würfel untergebracht sind. Um den Effekt des „Durchwohnens“ auch im OG nicht zu schmälern, konzipierte der Architekt die Tür zum Schlafzimmer zweiflügelig und in voller Breite der Galerie. Sind beide Flügel geöffnet, erstreckt sich eine durchgehende Bewegungs- und Sichtachse in voller Länge des Hauses von Giebel zu Giebel.
 
Detaillierte Planung
Henrik Isermann überlässt bei seinen Planungen weder gern etwas dem Zufall, noch bevorzugt er Standardlösungen. Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail und so wurde er bei der Realisierung seines anspruchsvollen „Erstlings“, den er als freier Architekt mit dem eigenen Büro HI Architektur verantwortete, vor so manche Herausforderung gestellt – wie er selbst gerne zugibt. Herausforderungen, die doch alle souverän gemeistert werden konnten: Angefangen bei den komplizierten Erdarbeiten auf dem recht steilen Hanggrundstück mit grenznaher Nachbarbebauung über die Gebäudeausstattung mit modernster Energietechnik, die eine exakt fächenbündig ins Dach integrierte Photovoltaikanlage vorsah, bis hin zum präzisen Entwurf der Kücheneinrichtung, bei der die freistehende Kochinsel wie ein aus der raumhohen Küchenfrontwand ausgefräster Monolith erscheint und dort eine Festverglasung identischer Größe als Schaufenster „hinterlässt“.

 

Fotografie: Jürgen Pollak

Inneneinrichtung in Kooperation mit Behr Einrichtung

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